Von der Altmühl an die Ilm

 

 


 

In der Osterwoche des Jahres 1900, früh vor Sonnenaufgang, fährt ein junges Paar mit drei kleinen Kindern in einer offenen Pferdekutsche auf der holprigen Straße von Neuessing im Altmühltal in Richtung Riedenburg. Vorne auf dem Kutschbock des Landauers, die Zügel des munteren Pferdes in den kräftigen Händen, sitzt Josef, der Vater der jungen Familie. Er ist Müllermeister, ein großer, breitschulteriger Mann Anfang vierzig mit dunklem Haar, großem Ober­lippenbart und entschlossenem Gesichts­ausdruck. Hinter dem Vater unterm Ver­deck sitzt seine neun Jahre jüngere Frau Katharina mit ihren zwei Söhnen und dem kleinen Töchterlein.  Katharina ist eine gut aussehende Frau mit vollen weichen Lippen und ausdrucksvollen Au­gen, welche Kraft und Güte ausstrahlen.

Auf ihrem Schoß, im wärmenden Wickelkis­sen schläft ihre acht Monate alte Maria, deren schwarzes Haar aus dem wolligen Häubchen hervor lugt. Der bald fünfjährige Karl mit dem klugen Blick und sein vier Jahre älterer Bruder Josef kuscheln sich an die Mutter, denn es ist kühl in dieser frühen Morgenstunde. Viele Kilometer geht es an der Altmühl entlang, vorbei an den wenigen Häusern von Nußhausen über denen hoch droben, auf  steil  aufragendem Jurafelsen das Jahrhunderte alte Schloß Prunn liegt. Eine phantastische Burg, die in  frühester Zeit nur über  eine Zugbrücke zu erreichen war. Dort fand man um 1500 eine Handschrift  des  Nibelungenlie­des. Nach dem Dörfchen Prunn fahren sie ständig leicht bergan. Hier ist das Tal besonders breit und man kann sich gut vorstellen, dass dieses Tal mit den zu beiden Seiten steil ansteigenden Höhen und Felsvorsprüngen vor hundert tausenden von Jahren das gewaltige Flussbett der Urdonau war. Dann kommen sie an der einsam stehenden Emmerthaler Pestkapelle vorbei. In der Ferne über Riedenburg geht die Sonne auf, ein neuer Tag, eine neue Zeit beginnt für die junge Familie die unterwegs ist, auf dem Weg in ihre neue Heimat. Wachsam wandern die aufmerksamen Augen der Mutter zum bewaldeten Hang hinüber der schon deutlich durch den Frühnebel zu erkennen ist. Unwillkürlich drückt sie ihre kleine Maria fester an sich, das dicke Wickelkissen in welches ihr Mädchen eingebunden ist hält es schön warm, die Mutter lächelt, denn in diesem Wickelkissen, unter den Füßchen ihrer Kleinen ist auch der ganze Reichtum der Familie, ist das ganze Geld verborgen. Dort ist es am sichersten aufge­hoben denkt Katharina. Es ist viel Geld, beinahe zehntausend Goldmark. '' Zehn Jahre lang haben Vater und Mutter dafür eisern gespart, eine jede Mark. Im Herbst und Winter konnten sie mehr zusammensparen, wenn die Bauern auch die von den Hochflächen über dem Alt­mühltal in ihre gepachtete Mühle mit dem Getreide zum Mahlen kamen. Wie freute sich Katharina und Josef als die ersten tausend Goldmark voll zusammen waren. Manches Jahr nach einer schlechten Ern­te erreichten sie das gesteckte Ziel 1000 Mark im Jahr zurückzulegen nicht. Doch dann kam immer wieder ein gutes Jahr, in dem sie das fehlende Geld zusätzlich erarbeiten konnten. Es war mühevoll, al­les was irgendwie möglich war mussten sie selber machen. Der Vater arbeitete bei Tag und auch bei Nacht mit zähem Fleiß in der Mühle. Wie es schon im Volkslied heißt,...bei Tag und bei Nacht ist der Müller stets wach ...! Alles was im Haus und der Mühle zu reparieren war machte er selbst, auch die Wägen und landwirtschaftlichen Ge­räte hielt er allein in Ordnung. Da­bei kam ihm seine außergewöhnliche Kör­perkraft zu Gute und dass er manche Fer­tigkeit seinem Vater, der eine Wagnerei in Eichhofen hat, abschauen konnte. Und die Mutter war unermüdlich im Haus, im Stall und auf dem Feld, denn eine Landwirtschaft gehörte mit zum gepach­teten Mühlanwesen. Nikolaus ihr treuer Knecht pflügte und eggte die Felder, er säte und mähte mit der Magd das Getrei­de und Gras und sie ernteten zusammen mit einigen Tagelöhnern Kartoffel und Rüben die sie gepflanzt hatten. Mit dem Ertrag konnten sie den gesamten Eigenbedarf der Familie mit Knecht und Magd decken. Die Mutter half überall, ja sie war die treibende Kraft der Fa­milie, von Natur aus war Katharina ge­schickt und fleißig, die Arbeit machte ihr Freude. Schon um 5 Uhr früh war sie auf den Beinen, sie half beim Melken und füttern der Kühe, Kälbchen, Pferde und Schweine. Zum Brotbacken wurde gar um vier Uhr aufgestanden, das Brotbacken war Schwerarbeit. In einem großen Holz­trog wurde ein halber Zentner Mehl mit der genau entsprechenden Menge Wasser und den Gewürzen ein bis zwei Stunden mit den Händen immer wieder durchgekne­tet bis ein Brotteig entstand, der zwar locker genug aber doch nicht zu weich wurde um ein gutes Brot daraus formen und backen zu können. Ja die Küche war Katharinas wahres Reich, sie hatte als junges Mädchen das Kochen in einer Gast­wirtschaft gelernt und war eine gute Köchin. Die ganze Familie mit Knecht und Magd freute sich auf ihren fein gewürz­ten Sonntagsbraten mit den lockeren Rei­beknödeln, die aus rohen geriebenen Kar­toffeln geformt wurden. Herrlich schmeck­te ihr Kartoffelbratel mit saurem Rahm und Kümmel. Etwas Besonderes war ihr duf­tig zarter Aniskuchen und der Gänsebraten sowie die Knieküchel zu Kirchweih und Weihnachten.

Trotz all der Arbeit während dieser vergangenen zehn Jahre war Katharina immer froh und zufrieden gewesen, sie arbeite­te nicht nur gern und freute sich über alles was ihr gelang, sie hatte auch ihr Ziel, die eigene Mühle vor Augen und wusste wofür sie all die harte Arbeit auf sich nahm. Und jetzt ist es soweit, sie hat diese schwierige Zeit hinter sich und ist mit ihrem Mann und den Kindern voller Erwartung auf der Fahrt zum Ziel ihrer Wünsche, auf der Fahrt zur eigenen Mühle.

Ihre Gedanken eilen voraus zur Hartacker Mühle an der Ilm, in der in Zukunft ihre Kinder aufwachsen werden. Einmal ist sie mit Josef zur Besichtigung schon dort  gewesen. Es ist ein großes Haus, 21 m lang und 15 m breit, Erdgeschoß und erster Stock, Mühle und Wohnung unter einem herr­lich breiten Dach. Daneben Scheune und Stallungen, dazu gehören 30 Tagwerk Ackerland, Wiesen und Wald. Für Josef war das Entscheidende beim Kauf die größere Was­serkraft und das große Mühl- und Wohnge­bäude, darum zog er die Hartacker-Mühle anderen zum Kauf angebotener Mühlen vor.
Ja sie und Josef sind beide stolz und zufrieden, dass sie die große Mühle erwerben konnten.
Der Kaufpreis beträgt laut Urkunde des Königlich Bayerischen Notariats in Geisenfeld 21 200 Mark. Mit ihrem Ersparten können sie beinahe die Hälfte gleich bezahlen und den Rest wollen sie in den nächsten Jahren auf Rentenbasis begleichen. So wurde es mit dem Verkäufer Herrn Trinkl vereinbart und notariell festge­legt. Allmählich lässt die Anspannung nach den anstrengenden letzten Stunden und Tagen nach. Bis der ganze Hausrat eingepackt war, Mühle, Wohnung und Stallungen an den nächsten Pächter übergeben und da­zu noch die Kinder und Tiere versorgt waren, das hat den Einsatz aller Kräfte gefordert. Doch je weiter sie sich von ihrer alten Heimat der Weihermühle am Ortsrand von Neueßing entfernen, desto ruhiger werden sie. Jetzt können sie sich ausruhen und sich ganz dem Erlebnis der Fahrt hingeben. Glücklich legt die Mutter den Arm um ihre geliebten Kinder und drückt sie an sich, dabei wird ihr ganz warm ums Herz. Eine warme Welle des Glücks durchflutet sie, sie ist glücklich weil sie alle so nah beieinander sind, ihr erstgeborener guter und schon so verständiger Josef, der liebe, gescheite Karl und ihr klei­nes Mädchen Maria. Und vorne auf dem Kutschbock der starke, verlässliche Vater, bei dem sie sich so geborgen fühlt.

 Ob Katharina wohl ahnt, dass diese Stun­den zu den glücklichsten ihres Lebens gehören?

Schon weit vor Riedenburg haben sie die mächtige Rosenburg, die das ganze Alt­mühltal überragt immer vor Augen. Diese mittelalterliche Burg mit den gut er­haltenen Treppengiebeln wurde durch zwei Minnesänger weltberühmt. Es waren die Burggrave von Rietenburg die um 1500 lebten und deren Minnelieder, Wappen und Bilder in der Manesischen Lieder­handschrift enthalten sind. Vor der Orts­einfahrt von Riedenburg sehen sie zwischen Bäumen das romanische kleine Schloss Aicholding mit der fensterlosen Wehrkir­che. Nach mehreren Wohnhäusern, kurz vor dem Kloster St .Anna mit den 3 spitzen Türmen halten sie am Haus der Familie Weber in der Kelheimerstraße, dem Eltern­haus Katharinas. Ihr Vater und ihre Stiefmutter schließen Kinder und Enkel in die Arme noch einmal sehen sie sich vor der Umsiedlung in die Nähe der Donau. Nach einer stärkenden Rast geht es weiter, Katharina lässt ihre Geschwister grüßen, dann geht sie zum nahen Friedhof hinauf, an das Grab ihrer Mutter, die schon mit 39 Jahren starb und ihre Kinder verlas­sen musste, Katharina war damals erst 9 Jahre alt. Nach der Kurve um das St. Anna Kloster liegt der Ortskern Riedenburgs in den Talwinkel geschmiegt direkt vor ihnen. Auf der Altmühlbrücke schauen sie ein letztes Mal zur Rosenburg hinauf, die hoch über ihnen aus dem blätterlosen Buchenwald herausragt. Davor erkennen sie die Ruine des Rabensteins, die Reste des Wohnturms der ältesten Burg des Marktes. Auf der gegenüberliegenden Höhe ist die Ruine des Tachensteins mit dem wuchtigen quadratischen Bergfried, der aus dem 13.Jahrhundert stammt.

Wie oft ist Katharina als Kind und jun­ges Mädchen durch den Blätterwald dort hinauf gewandert um sich am schönsten Ausblick über das Altmühltal, der bis zum Schloss Prunn hinunter reicht, zu erfreuen. Durch die engen Straßen des Marktes fahren sie hinaus zur Mittermühle die sie an die erste Zeit ihrer Ehe erinnert. Josef und Katharina hatten diese Mühle damals gepachtet und ihr ältester Sohn Josef war dort geboren worden. Weiter geht es ins stille Schambachtal.

Am großen Trockenhang, wo der Weg zum, Lintlkreuz hinauf führt, steht zwi­schen Wacholderbüschen ein Schäfer mit seiner Herde. Der Weg zieht vorbei am kleinen Kloster Schambach mit den so gut in die Landschaft passenden hell­grauen Dächern aus Kalksteinschiefer, weiter führt der Weg entlang der muntern glasklaren Schambach, die sechs nicht all zu weit von einander entfernte Mühlen an­treibt. Nach der Schneemühle, Kohlmühle und Neumühle kommen sie durch Hexen­agger mit dem neuen Bahnhof. Danach er­reichen sie die Leistmühle und Hanfstingelmühle. Wieder haben sie eine Stun­de Fahrt auf steiniger Straße hinter sich nun geht es die ansteigende Strecke nach Altmanstein hinauf.

 Da sehen sie schon von weitem ihren treuen Knecht Nickel mit dem großen Fuhrwerk voll beladen mit Hausrat. Stunden vor ihnen war er schon abgefahren. Kisten voll Geschirr. Truhen mit Wäsche und Kleidung, die Betten, Wan­nen, das Butterfass und anderer Hausrat, alles ist gut verstaut. Die Schränke und Kommoden hatte Nickel schon Tage vorher zum Güterzug nach Riedenburg gebracht, dieser nimmt den Weg über Ingolstadt, Manching zum Bannhof Vohburg, der Bahn­station zu der auch Hartacker gehört.

 Nickel hat jetzt alle Hände voll zu tun, es geht bergauf, er treibt die Pfer­de immer wieder an. Auf halber Strecke des lang gezogenen Berges hält er die Tiere an und zieht die Bremsen ganz fest, damit die Pferde verschnaufen können, er selbst geht um das ganze Gefährt her­um um zu kontrollieren ob nach dem Ge­rüttel noch alles an seinem Platz ist. Nach kurzer Pause ein neuer Anlauf, wüa, wüa, wüa schreit Nikel und schnalzt mit der Goaßl, die Pferde stemmen ihre Hufe in den Boden, Nickel, der Vater und der kleine Josef schieben mit an und schon geht es wieder vorwärts. Nach­dem der Berg geschafft ist fahren die beiden Gespanne durch die engen Gassen  Altmansteins. Biegen dann in ein bewal­detes kleines Tal in südwestliche Rich­tung, dort an einer breiteren Stelle des Weges machen sie zusammen Mittagsrast.

Die dampfenden Pferde bekommen ihre gefütterten Decken übergeworfen und den Hafersack umgehängt, dann holt Nickel für sie noch einen Eimer Wasser aus dem nahen Bach. Die Brüder Josef und Karl laufen mit ihrem Brot in der Hand einen Trocken- hang hinauf und spielen zwischen den Wacholderbüschen verstecken. Die Mut­ter versorgt und stillt ihr kleines Derndl und macht dann mit den Männern Brotzeit. Das gute selbstgebackene Brot mit dem Geräucherten schmeckt immer und einige Flaschen Bier löschen den Durst. Als der Vater nach der Rast den Hang hinauf geht um seine Kinder zu holen, entdeckt er die ersten Küchenschellen in ihrem wolligen Haarkleid und auf einem Vogelbeerbaum sitzt eine aufgeplusterte Wacholderdros­sel. Da kommt ihm der bunt schillernde Eisvogel in den Sinn, der sich so oft hin­ter der Weihermühle ins klare Quellwasser stürzte, das direkt aus dem Felsen heraus­strömt. Hoffentlich gibt es in Hartacker an der Ilm ein Wiedersehen mit diesen herr­lich bunten Tauchern denkt der Vater. Dann geht es weiter durch das  kurvenreiche Tal und an dessen Ende einen längeren ziemlich steil ansteigenden Berg hinauf. Endlich erreichen sie die freiere Hoch­fläche. Die Landschaft hat ein anderes Gesicht bekommen, kein Berg begrenzt den weiten Blick über die welligen Äcker und Wiesen. Dazwischen sind einige kleinere Waldstücke und Hopfengärten. Nach eini­gen Kilometern sehen sie in der Ferne die romanischen Kirchtürme des Marktes Pförring. Jetzt hat es das Pferdchen leichter, mühelos trabt es dahin und der kleine Josef, der inzwischen vorne bei seinem Vater sitzt, darf die Zügel hal­ten. Der Vater erzählt seinem neun Jahre alten Sohn von seinem Elternhaus in Eichhofen an der Laaber, von seinen Eltern und fünf Geschwistern, er spricht von seiner abenteuerlichen Reise über den weiten Ozean nach Amerika, von New York mit den Wolkenkratzern, von Gold­gräbern und Indianern. Denn als ganz junger Mann war er vier Jahre in Ame­rika gewesen und hat dort viel erlebt.

 Nickel mit dem schweren Fuhrwerk haben sie nun schon weit hinter sich gelassen. Es geht durch Mindelstetten mit den stattlichen Bauernhöfen. Wieder einmal frägt der kleine Karl, "sind wir jetzt bald da, wie weit ist es noch ?" Die Mutter kann ihn beruhigen, über die Hälfte des We­ges liegt schon hinter ihnen. Beim Zwölfuhrläuten nähern sie sich Pförring, vom Kirchplatz geht es bergab zur Donau hinunter. Zunächst sehen sie nur Altwasser, Buschwerk und Nasswiesen, auch einige Störche sind schon aus dem Süden zurückgekehrt. Ein schlechter Weg führt unterhalb des Donaudammes entlang Rich­tung Westen. Der Vater muss sein Pferd lange Strecken führen um den größten Wasserpfützen auszuweichen. Vor dem Schlossfelsen von Wackerstein steigt der Weg etwas an und wird trockener. Dort sehen die Kinder zum ersten Mal die Do­nau in ihrer ganzen Breite, sie führt Hochwasser, ein rauschender grünlicher Strom. Dann geht es durch Dünzing an großen Bauernhöfen vorbei.

Da endlich grüßen vom südlichen Donauufer die Türme und Giebel Vohburgs, der einstigen Herzogsstadt herüber. Auf dem Burgberg, hinter den Ruinen der Burgmauer steht die Pfarrkirche Sankt Peter mit dem hübschen Zwiebelturm. Daneben das quadratische alte Schoß mit dem Walmdach, das seit 15 Jahren Krankenhaus ist und drüben schaut der Treppen­giebel des alten Zehentstadels hervor. Zwischen den an den Berg geschmiegten Bürgerhäusern ragen der spitze Turm der Andreaskirche und das Zwiebeltürmchen der Klosterkirche heraus.

 Ein Blick zurück in die Geschichte Vohburgs. Im Jahre 1414 ließ Herzog Ernst die Vohburg wieder aufbauen. 20 Jahre später verbrachte dort sein Sohn Herzog Albrecht kurze glückliche Jahre mit Agnes Bernauer, der schönen Baderstochter aus Augsburg, die ein so tragisches Ende in den Fluten der Donau bei Straubing fand. Nach weiteren 200 Jahren wechselvoller Geschichte wurde die Burg 1641 im 30 jährigen Krieg von den Schweden zerstört. Erhalten blieben Teile der Burgmauer, das Burgtor, welches jetzt zum Friedhof führt, mit dem ältesten Wappen Bayerns, sowie Reste der Stadtmauer und die 3 Stadttore.
An der Donaubrücke von Vohburg angekom­men steigt der Vater von der Kutsche herunter und führt sein Pferd mit kräftigen Armen über die massive Holzbrücke. Zur Stabilisierung ist diese nach beiden Seiten, schräg zu den rauschenden Fluten, mit dicken Holzstämmen abgestützt, hochaufspritzend brechen sich die Wogen daran. Oftmals war in den vergangenen Jahr­hunderten die Brücke durch Hochwasser und Eisstöße weggerissen und danach immer wieder neu aufgebaut worden, was eine große finanzielle Belastung für die Einwohner des Städtchen war.
Einmal soll der Rat der Stadt beschlossen haben die Brücke mit Kienstöcken zu beschweren, damit sie dem Eisstoß besser stand  hält. Dazu schrieb Herr Oberlehrer Max Kirschner in seinem Buch " Zur Geschichte der Stadt Vohburg "ein lustiges Gedicht, das den Spitznamen "Vohburger Keastöck" verewigt.

In den letzten Stro­phen heißt  es .:       
"De Stöck ham übers Glander gschaugt,
Der Eisstoß tuat an Ruck !
Da kracht allssamm ins Wasser nei,
De Kea-Stöck, samt der Brück!

De Leut ham glacht! De Buama ham an Magistrat hoam triebn !

De Bruck is furt!De Kea-Stöck aa! Der Spitznam, der is blieb'n! "

Am Donauufer ist noch die einstige Anlege­stelle der Donaudampfschiffahrt nach Pas­sau - Wien aus den Jahren 1860 - 1890 zu erkennen.

Dann fährt die junge Familie weiter durch das massive, im 16 Jahrhundert in einfach­er Gotik erbaute Donautor in den gepfla­sterten Markt hinein. Früher war dieses Tor bewacht und vor nicht allzu langer Zeit musste hier, seit 1537, der Brücken­zoll und auch ein Pflasterzoll entrich­tet werden. Und zwar für ein Pferd 4 Pfennige. An mehreren Gasthäusern. Bäckern Metzgern und einer Seilerei geht es vor­bei, sie erreichen den Marktplatz vor der Klosterkirche und Klosterschule. Hier sind die Post, eine Brauerei, Textilgeschäfte und auch eine Apotheke. Vater und Mutter schauen sich zur  Orientierung um, denn Vohburg gehört jetzt zu ihrer engeren Heimat. Hier sind die Behörden, die Kir­che, die Kinder werden hier zur Schule gehen und auch alle Einkäufe werden sie in Vohburg machen.

Durch das repräsentative, gotische Kleindonautor mit den Dreikantvorsprüngen, das den Südeingang zum Marktplatz bildet, verlassen sie Vohburg in Richtung Hartacker. Nach den letzten Wohnhäusern ist zu beiden Seiten der Straße flaches Ackerland, unterbrochen von einzelnen Wiesen, neben dem Fahrweg mehrere Hecken und weiter im Sü­den ist Wald. Schon nach 15 Minuten haben sie das klei­ne Dorf Hartacker erreicht. Sie kommen an niedrigen Häusern, Obstgärten und Bauern­höfen vorbei und schon steht ihr braves Pferdchen mitten im Ort, vor der Kapelle. Vor ihnen liegt das große zweigeschossige Gebäude ihrer Mühle, links davon die breite Scheune und im rechten Winkel zur Mühle der lang gestreckte Stall. Dazwischen der geräumige Hof, dort hinein fahren sie, direkt vor die zweiflügelige Eingangstür über der ein rundes Madonnenbild sie willkommen heißt.

 Freudig springen die Buben vom Wagen her­unter, der Vater hilft Katharina mit dem Wickelkissen beim aussteigen.

Sie sind da, die junge Familie ist in ihrer neuen Heimat angekommen! Der neunjährige Josef schaut mit großen Augen seine neue Heimat an, das Wasser, das Haus, das Dorf, alles ist fremd für ihn. Er ahnt nicht, dass er hier die meisten Jahre seines 86 jährigen Lebens verbringen wird. Wie fern liegt für ihn jetzt der Gedanke, dass er diese Mühle einmal von seinem Vater übernehmen wird , dass er mit seiner Frau Charlotte über 50 Jahre hier leben wird und seine vier Töchter Irmgard, Ruth, Gerda und Ingeborg hier aufwachsen werden.

Natürlich ahnt er auch nicht einmal Bürgermeister von Hartacker und Vohburg zu werden und dass nach seinem Tode eine Straße mit seinem Namen - Josef Lohr Straße - an  ihn erinnert, an einen beliebten, geachteten und geehrten Mann.