Meine OMA – ich und die LIEBE

 

 

Das kleine Dorf Hartacker liegt nur einen Kilometer südlich der alten Herzogstadt Vohburg an der Donau. Auf dem ebenen Gelände rings um Hartacker breiten sich Wiesen und Äcker aus und am südlichen Dorfrand fließt die Ilm gemächlich dahin. In dem Bauerndorf standen 1925 etwa 3o Häuser, neben den größeren war auch ein Stall für die Tiere  dazu eine Scheune für das Futter und die Fuhrwerke. Um jedes Haus war ein Garten in dem Obstbäume und Gemüse wuchsen und Blumen blühten. Zwei Straßen führen durch den Ort, sie erinnern in ihrem Verlauf an eine Kreuzform. Dort wo sich die Straßen kreuzen steht die Kapelle. Ihr helles Glöckchen weckt die Bauersleute, Handwerker und Arbeiterfamilien am frühen Morgen um 6 Uhr, es läutet um 12 Uhr zu Mittag und abends mahnt es mit dem Gebetläuten, dass jetzt Feierabend ist.

Von der Kapelle aus schaut man, über die sich kreuzenden Straßen, auf das Wirtshaus und auf die Mühle direkt neben der Ilm. Ein Teil des Ilmwassers fließt vor der Mühle in einen Umlaufgraben während die große Menge durch den Schuß und das 1923 neu erbaute Turbinenhaus rauscht. Die Hartacker - Mühle ist ein altes stabiles Gebäude mit meterdicker Bruchsteinmauer, in welcher Wandschränke Platz haben. Sie war einst eine Klostermühle, die schon 1575 bei einer Bestandaufnahme des Klosters Münchsmünster erwähnt wird. Das runde Madonnenbild über der Eingangstüre, einem Gemälde Raffaels nachempfunden, erinnert noch heute an die einstigen frommen Bewohner.

 In dieser Mühle wurde ich am 26 April 1925 geboren. Ich war das dritte Mädchen das meine Mutter zur Welt brachte, obwohl insgeheim ein Stammhalter ersehnt wurde, freuten sich meine Eltern und Schwestern Irmgard und Ruth über das kleine Schwesterlein. Meine liebe Oma Löhr hatte auch schon einen Kosenamen für mich, ich war     i h r    H e r z i. Es war eine unruhige Zeit die ich mir zum Geburtstag ausgesucht hatte, denn in der Hartacker Mühle wurde umgebaut.

Mein Großvater Lohr war drei Monate vorher gestorben und hatte meinem Vater die Mühle übergeben, während sein 2. Sohn Karl die Landwirtschaft übernahm. So wurde ein neues Wohnhaus für Onkel Karl, seine Schwester Maria und meine Großmutter Katharina im Obstgarten gegenüber der Mühle gebaut.

Die Mühle mit dem großen Wohnbereich wurde modernisiert, wodurch viel zusätzliche Arbeit auf meine Mutter zukam. Die Lösung war, dass Oma Löhr mich mit in ihre Wohnung nahm.

Wenn ich an meine Kindheit denke ist meine liebe Oma immer gleich bei mir. Ich suche in meinen Erinnerungen ihr liebes Gesicht mit den sanften hellbraunen Augen und wünsche mir ihre Stimme herbei. Oma sang so gern.  Das erste Lied meines Lebens war ein "Gute Nacht Lied." Als der Mond schien helle, kam ein Häslein schnelle, suchte sich sein Abendbrot bum - ein Jäger schoss mit Schrot." Das Schönste dabei war, dass Oma beim „bum“ auf mein  Bäuchlein tippte was mich voll zum l a c h e n  brachte und ich das Liedchen immer noch einmal hören wollte.

Ja  meine Oma Löhr begleitete meine Kindheit, bei ihr fühlte ich mich geborgen, froh und glücklich, einfach daheim. Wir wohnten in Rockolding im 1. Stock des Gasthauses Rammelmeier, direkt beim Bahnhof Vohburg. Dieser war  4km von der Hartacker-Mühle und dem Markt Vohburg entfernt.

Zu Omas Familie gehörte ihre 80 jährige Mutter, die meine Uroma Sahnwald war und ihr Bruder Wilhelm Sahnwald, mein Großonkel. Meine Oma Löhr, jetzt anfang 50, war seit Jahren Witwe und führte den Haushalt für ihre Mutter und den Bruder. Wir vier lebten in einer heiteren Atmosphäre, alle waren einander zugetan. Mein Großonkel liebte seine Mutter wohl sehr, deutlich erinnere ich mich wie Onkel seine Mutter vom Sofa hoch hob und beschwingt mit ihr im Arm durchs Zimmer tanzte. Uroma lachte dabei, alle sangen, " trink trink Brüderlein trink, lasse die Sorgen zu Haus, meide den Kummer und meide den Schmerz, dann ist das Leben ein Scherz ....." wahrscheinlich war dieser fröhliche Nachmittag der 28.10.1928 , Uromas 80. Geburtstag. Meine Oma Löhr mit Mutter und Bruder waren erst 1923 von Norddeutschland nach Bayern gezogen, weil Onkel Wilhelm bei einem Besuch die überschüssige Wasserkraft der Ilm gesehen hatte. Er sah im Bau eines Turbinenhauses zur Stromerzeugung seine Zukunft. Onkel war Bauingenieur und hatte in Wilhelmshaven an der Werft jahrelang bei Unterwasserbauten mitgearbeitet. Als er sah, dass es in Hartacker und den umliegenden Ortschaften,  Rockolding ,   IImendorf,   Irsching und Schilwietsried noch keinen Strom gab, erkannte er seine Chance.

So verkauften Großonkel Wilhelm und Oma Löhr ihre Häuser in Willhelmshaven und Stur bei Bremen, um Geld für den Turbinenhausbau und die Anlage der Stromleitungen zu haben und zogen nach Rockolding beim Bahnhof Vohburg um.

Das große hölzerne Wasserrad wurde dann von der Mühle abmontiert und kam nach Einberg zur Weiterverwendung, stattdessen entstand neben der Mühle die Baustelle für den Unterwasserbau des Turbinenhauses. Großonkel Wilhelm zeichnete als Bauingenieur selbst die Pläne und leitete den Bau. Noch heute nach 85 Jahren plätschert das Wasser der Ilm darüber, der Unterwasserbau ist immer noch bombenfest, ebenso läuft die allererste Turbine nach wie vor.

Schon während das Turbinenhaus, mit Hilfe vieler eingestellter Arbeiter, gebaut wurde und die Stromleitungen, mit Facharbeitern, in die umliegenden Dörfer verlegt wurden setzte die Inflation ein, das Geld schwand dahin. Die erste Lichtmaschine reichte bald nicht mehr aus, eine größere musste schon auf Darlehen, für welches mein Vater bürgte, gekauft werden. Immer mehr Stromabnehmer kamen hinzu, nun wurde Strom von den Amperwerken dazu gekauft. Schließlich machten die Amperwerke einen Knebelvertrag welcher dazu führte, woran keiner im Entferntesten gedacht hatte, das Recht der Stromerzeugung musste an die Amperwerke abgegeben werden.  Unsere  große Turbine  welche fünf Dörfer mit Strom beliefert hatte, durfte nur noch für den eigenen Bedarf in Betrieb sein.

Diese schwere finanzielle Einbuße für unsere Familie wurde durch viel Unrecht von außen verursacht. Während mein Großonkel Wilhelm mit Recht auf Geld aus der Stromerzeugung hoffte, war für den Mühlbetrieb meines Vaters so ein großes Turbinenhaus nicht nötig. Aber nun musste er, da er gebürgt hatte, über Jahrzehnte die hohen Zinsen an die Geldverleihfirma Armani in München bezahlen.

Alle Beteiligten fühlten sich betrogen. Erst im 3.Reich ging es durch den allgemeinen Aufschwung auch den Bauern besser, sie konnten ihre Schulden beim Müller bezahlen.  Dadurch wich allmählich der finanzielle Druck von der Familie.

Am 10. Oktober 1929 ist meine Uroma Auguste Sahnwald gestorben. Ohne krank zu sein, schlief sie ruhig ein. Es war kurz vor ihrem 81.  Geburtstag. Meine Oma Löhr, Onkel Wilhelm und meine Mutter sind zur Beerdigung nach Wilhelmshaven gefahren. Plötzlich war es ganz still in unserer Wohnung geworden.

Im Frühjahr 1930 sind Oma, Onkel und ich umgezogen und zwar nur eine Bahnstation von Vohburg entfernt, nach Münchsmünster. Jetzt wohnten wir in einem großen neuen Haus im 1. Stock. Dem Eigentümer Herrn Klein gehörte auch ein Sägewerk ganz in der Nähe. Der Bahnhof Münchsmünster war auch nur 5 Minuten entfernt, damit Oma mal schnell nach Ingolstadt fahren konnte, worauf sie sich jedes- mal freute.

Manchmal nahm mich Oma mit in die Stadt.  Einmal besuchten wir eine Kindervorstellung im Stadttheater. Es war wie im Traum, - auf der Bühne stand Petrus mit langem Bart und weißem Gewand mit den Engeln im Himmel -. Eine riesengroße Kiste stand da und den Engeln wurde verboten sie zu öffnen. Doch kaum war Petrus weggegangen konnten die neugierigen Engel nicht widerstehen. Wie staunte ich als Dornröschen mit dem Prinz, Schneewittchen und die sieben Zwerge alle aus der Kiste kamen. Zum Schluss sprang noch ein lustiger Kasperl heraus der unentwegt Späße machte. Allmählich wurden die Engel unruhig, wenn nun Petrus zurück käme, schleunigst mussten alle wieder in die Kiste, nur der Kasperl fand keinen Platz, der Deckel wollte nicht zugehen, erst im letzten Augenblick als Petrus schon nahte gelang es den Deckel zu schließen .

Nach der Vorstellung gingen Oma und ich wie so oft ins Cafe Schmidt, ich durfte mir eine schöne bunte Torte aussuchen, Oma aß immer Apfelkuchen. In Ingolstadt wurde auch alles eingekauft was Onkel für seine Tischlerarbeiten brauchte. Schrauben und Scharniere für seine Bienenkästen oder messingfarbene Füßchen und Verschlüsse, sowie spezielle, stabile Kartons für Schmuckkästchen, welche er für uns Kinder bastelte. Und Oma brauchte Wolle, Stoffe und schöne Garne, die es in Münchsmünster nicht gab. Mein Schulanfang rückte näher und meine Eltern wünschten, dass ich endgültig nach Hause komme um mit meinen Schwestern groß zu werden. Meine große Schwester Irmgard war schon 12 Jahre alt und wurde „Madi“ gerufen, Ruths Kosename war „Püpi“ sie ging in die 3. Klasse und das kleine Ingelein wurde erst 3 Jahre alt. Manchmal durften  wir mit unserer blonden Mädi auf dem Fahrrad mitfahren. Dabei stand ich hinter dem Lenker zwischen Mädis Armen und die zarte Püpi saß hinten auf dem Gepäckständer! Oft wackelte das Rad bedenklich hin und her, doch diese Fahrt von Hartacker zur 1 km entfernten Schule nach Vohburg war herrlich. In unserem großen  Spielzimmer zu hause war alles worüber sich ein Kind freuen kann, Eine Puppenküche mit Herd auf dem man richtig kochen konnte, Puppenschaukel, Puppenschule natürlich viele große und kleine Puppen. Aber trotz alldem wurde meine Sehnsucht nach Oma immer größer, darum freute ich mich riesig auf die großen Ferien, denn dann durfte ich wieder zu Oma. War das ein Empfang! Die Deutschlandfahne war an der Eingangstüre drapiert, Herzlich Willkommen  stand da in großen Lettern und einen feinen Kuchen hatte Oma gebacken. Verwundert schaute ich alles an, doch wie erleichtert  und befreit fühlte ich mich, gleich war ich wieder daheim. Oma und ich schliefen auch in einem Zimmer und oft schlüpfte ich morgens in ihr Bett. Sie erzählte mir dann von ihrer geliebten Heimat an der Nordsee oder lernte mir Gedichte. Oma war in Wilhelmshafen groß geworden. Sie erinnerte sich an die weiten Eisflächen über die sie mit ihren Geschwistern auf Schlittschuhen zur Schule gelaufen war.

Oma hatte fünf Geschwister, Mariechen war die Älteste, dann kam sie selbst, Anna Luise, danach ihre Brüder Karl und Eduard und die zwei Jüngsten Wilhelm und Dorothea. Omas Vater Gustav Sahnwald war Maschinist auf einem Handelsschiff auf dem er oft monatelang unterwegs war. Er wurde in jungen Jahren schwer krank und musste schon mit 39 Jahren sterben. Für Omas Mutter Auguste begann eine schwere Zeit. Sechs Kinder zog sie ohne Vater groß und war stolz darauf, dass alle Kinder einen ordentlichen Beruf erlernten. Das Schicksal hat ihr nichts erspart, als ihre Söhne Karl und Eduard achtzehn und siebzehn Jahre alt waren ertranken sie nach einem Wettrudern, bei dem sie als Sieger durchs Ziel gerudert waren. Ihr Ruderboot kenterte, weil dem Steuermann übel geworden war und er mit dem ganzen Boot zur Seite kippte. Dieser Steuermann wurde gleich gerettet, während das Boot mit den beiden Brüdern unterging. Da die Füße von Karl und Eduard mit Riemen am Boot festgeschnallt waren konnten sie sich nicht befreien, obwohl sie gut tauchen und schwimmen konnten. Ihr jüngerer Bruder Wilhelm tauchte mit Freunden immer wieder nach ihnen. Als sie die Brüder endlich bergen konnten war es zu spät. Eduard war bereits tot, das Herz von Karl schlug noch, doch die Wiederbelebungsversuche waren vergebens. Welche Tragik, welche erneute Trauer für Mutter und Geschwister.

Als junges Mädchen lernte meine Oma in einem Hutgeschäft in Wilhelmshafen Modistin, es machte ihr viel Spaß, dekorieren war ja ihre Stärke. Bei der Familie ihres Lehrherrn und den Kunden war Oma sehr beliebt, sie sah gut aus und ihr heiteres Wesen umgab sie mit einer sonnigen Atmosphäre. Auf ihrem Hochzeitsbild ist Oma gerade 20 Jahre alt, eine grazile Schönheit mit feinen Gesichtszügen. Auch jetzt Mitte 50 sah Oma noch jugendlich aus. Sie hatte feines hellbraunes Haar, sanfte braune Augen und ihr Teint war leicht getönt. Oma sang schon am frühen Morgen, sie lachte so gern und war wie sie selbst sagte, immer guter Dinge. Unserem jungen Förster fiel Omas leichter, behänder Gang auf, er sagte " Frau Löhr sie gehen wie ein junges Mädchen ".

Oftmals sagte Oma zu mir "Mein Sonnenschein, wenn Du groß bist fahren wir in meine Heimat". Alles wollte sie mir zeigen, ihr Elternhaus, die Schule, den Hafen , Onkel Wilhelms neues Haus in Rüstringen und dann nach Stuhr bei Bremen fahren um ihr eigenes Haus indem sie mit ihrem Mann und ihrer einzigen Tochter Charlotte gelebt hatte wieder zu sehen. Immer hat Oma sich nach ihrer Heimat gesehnt und sich ein Wiedersehen gewünscht.

Nach meinen ersten großen Sommerferien sollte ich natürlich wieder zu meinen Eltern zurück und weiter in Vohburg zur Schule gehen. Doch ich weigerte mich und wehrte mich zuletzt mit Händen und Füßen so sehr, dass meine Mutter nachgab und ich bei Oma bleiben durfte. Ein Stein fiel mir vom Herzen! Jetzt ging ich in Münchsmünster zur Schule. Unser Schulhaus stand neben der Kirche im Zentrum des Dorfes, gegenüber war der große Pfarrhof mit Garten und auf der anderen Seite der Straße blühten große Kastanienbäume am Eingang zum Gutshof Scheringer. In diese Schule ging ich dann ganze 7 Jahre lang In den ersten Klassen waren Frl. Weinberger und das freundliche Frl. Kirschner meine Lehrerinnen. Mein Schulweg dauerte 15 Minuten.

Nicht weit von unserer Wohnung entfernt gegenüber dem Bahnhof war ein Gasthof mit Landwirtschaft in dem ich täglich unsere Milch holte. Auf dem Platz davor unter Kastanienbäumen standen öfter Zigeunerwägen, dort sah ich "Mauschi" zum ersten Mal. Er war ein wolliger, schneeweißer Hund mit schwarzer Schnauze, halb Terrier, halb Spitz. Ich fand ihn hinreißend und musste ihn unbedingt haben, so schwärmte ich Oma vor und bat sie mitzukommen  und wirklich Oma schaute das kleine Hundi an. Dann wurde mit dem Eigentümer verhandelt und nach einem Tag Bedenkzeit einigten sie sich auf einen Kaufpreis von 3 Reichsmark. Ich war überglücklich mit meinem kleinen weißen Mauschi der mir treu ergeben war. Nur vor einen Schlitten gespannt mich ziehen, das wollte er nicht. Aber welches Freudengebell war es all die späteren Jahre wenn ich von der Schule heim kam.

Unserer Wohnung gegenüber stand das hübsche Haus der Familie Feigel, es hatte einen Erker und im 1. Stock, in den gemütlich mit Holz verkleideten Räumen wohnte die Schwester Frau Feigels deren Mann Musiker war, bei ihm lernte ich Mandoline spielen. Neben dem Fenster, auf grünem Filzbehang hatte er eine ganze Reihe von Flöten hängen auf denen er mir nach dem Unterricht, zu meiner Freude oft vorspielte. Vier große, neue Villen standen in der Nähe des Bahnhofs. Die Bahn war damals um 1932 für die meisten das einzige Beförderungsmittel. Es gab keinen Bus in Münchsmünster und nur wenige Pkws. Außer einer Brauerei, zwei Sägewerken zwei Mühlen die am Ortsrand an der Ilm lagen, gab es noch eine große Schreinerei, 4 Gasthöfe, 2 Metzger und Bäcker, sowie mehrere Gemischtwarengeschäfte. Die meisten Einwohner waren Bauern.

Ab der 3.Klasse hatte ich einen kurzen, bequemen Schulweg, wir sind in ein nettes Einfamilienhaus mit blauen Fensterladen, das mitten im Dorf gegenüber dem Bauernhof Amann lag umgezogen. Dort verlebte ich  meine glücklichsten Kinderjahre. Anni Amann ging mit mir in eine Klasse und wurde meine liebste Freundin. Wie oft spielten wir mit meiner Puppenküche oder den schönen großen Puppen mit echtem langem Haar. Herrlich war es wenn Anni mich mit zu ihren Eltern und Geschwistern nahm.

Amanns hatten ein großes Bauernhaus mit vielen Zimmern, daneben einen Pferdestall, dann Kuhstall und im rechten Winkel dazu eine große Scheune. Um die Ecke schloss sich der Schweinestall an und am Schluss kam der Backofen. Welch ein Spaß war es, wenn wir das frische Brot mit dem Schlitten über den Hof zum Haus ziehen durften. Öfter bekam ich auch ein Stück von dem frischen Brot das so gut roch, manchmal sogar mit spritzender Butter darauf, welche Anni`s große Schwester Rosa ausgerührt hatte. Familie Amann war eine betont katholische Familie, bei denen auch der " Engel des Herrn " am Feierabend gebetet wurde. Sie hatten acht Kinder, davon waren Rosa, Lenz und Walli schon erwachsen, Marie, Georg und Anni gingen zur Schule und Hedwig sowie das Reserl waren die Kleinen.

Frau Amann war eine ruhige Frau, ich erinnere mich nicht, dass sie auch nur einmal geschimpft hätte wenn wir herumtollten. Sie war fromm, fleißig und gütig.  Einmal hatte ich ein längeres Gespräch mit ihr, ich bat sie Anni am Nachmittag mit zum basteln gehen zulassen. Aber sie wollte nichts davon wissen. Warum? fragte ich immer wieder, wir sangen, handarbeiteten, bastelten hübsche kleine Körbchen aus buntem Bast, aber ohne meine Freundin Anni war es für mich nur halb so schön.

Ich sehe Frau Amann noch, sie stand in der großen Stube vor dem Kachelofen und richtete in einem Holztrog, der auf der Ofenbank stand das Mehl zum Brotbacken her. Immer wieder schüttelte sie verneinend den Kopf. Wie wir es schafften, dass Anni dann eines Tages doch mit durfte weiß ich nicht mehr.

Herr Amann war ein großer, kräftiger Mann mit schwarzem Haar, er war stets beschäftigt mit Pferde einspannen, abladen von Kartoffeln, Getreide oder Heu und mit unzähligen anderen Arbeiten. An den jungen Pferden hatten die Amann Männer ihre besondere Freude. Bei schönem Wetter galoppierten sie im großen Hof herum, doch dann getraute ich mich nicht zu Anni zu gehen.

Unser Häuschen mit den blauen Fensterläden und der blauen Haustüre, das Oma damals gemietet hatte war einfach und zweckmäßig eingeteilt. Im Erdgeschoß befand sich das größere Wohnzimmer mit Kachelofen direkt mit der Küche verbunden. Der schmale Flur teilte das Haus in zwei gleiche Hälften. Gegenüber dem Wohnzimmer befand sich Onkels Schreibzimmer mit Schreibtisch, dunkelrotem Plüschsofa auf dessen Regal Fotos standen, dazu ein hoher Standspiegel mit niedrigem Regal und den großen Südseemuscheln die immer noch rauschten wie das Meer.

Daneben war Onkels Schlafzimmer. In seinem Kleiderschrank hatte er auch seine Studentenmützen aufbewahrt, rot, weiß, blau, grün und gelb, in allen Farben, die ich oft probierte. Über die schmale Treppe ging’s hinauf zu Omas und meinem Schlafzimmer. Gleich neben der Türe stand die glänzende Mahagoniekomode in deren obersten Schubfach, in blauem Sammtetui Omas wunderschöner Granatschmuck lag. Das breite goldene Armband in Rosettenmuster dicht mit Granatsteinchen besetzt, dazu passend ein Anhänger und Ohrringe wie Sterne gestaltet, entzückten mich immer aufs neue.

Einmal als Oma nicht zuhause war zeigte ich diesen Schmuck und Onkels bunte Mützen meinen staunenden Freundinnen. Viele Jahre später erbte ich Omas Granatschmuck und halte ihn in Ehren. Doch zurück zu damals. Oma hat alle Zimmer ganz gemütlich eingerichtet. Für die Fenster nähte sie duftige weiße Gardinen mit Rüschen. Die Blumenständer hat sie neu gestrichen und auch der Küchenschrank bekam eine zarte hellbeige Farbe. Omas Lieblingsplatz war am Nähtischchen neben dem Fenster, dort hat sie unermüdlich gestrickt und genäht. Ich bewunderte Omas Fertigkeit, sie konnte die Kompliziertesten Durchbruchmuster stricken. In Erinnerung sind mir die feinen weißen Mützchen und Handschuhe für meine Schwestern und mich, einen besonders schönen Pulli für Irmgard, viele Kniestrümpfe für Onkel und viele hübsche bestickte Kleidchen für mich. Ein hellblaues Wollmuslindirndel mir rosa Röschen war mit sieben Jahren mein Lieblingskleid, den Halsausschnitt zierten Spitzen durch das eine schwarze Samtband gezogen wurde.

Wie hübsch hatte Oma sich das wieder ausgedacht. Ja Oma war erfinderisch und geschickt, 0ma, meine Oma konnte alles, sie war eine Künstlerin, immer gut gelaunt und fein kochen konnte sie auch. Wie herrlich schmeckte ihr Gänsebraten mit Äpfeln, wie freute ich mich auf das saure Gänseragout und den gefüllten und gebratenen Gänsehals. Öfter gab es auch frisches Gemüse und die kleinen delikaten Mäusekartoffeln und Oma sagte ganz überzeugt, sie schmecken herrlich - wie Marzipan ".

Das ist bei uns zum geflügelten Wort geworden und noch heute  nach über 50 Jahren sagt Richard, wenn etwas besonders fein schmeckt einfach nur "wie Marzipan", ich schau ihn dankbar an und meine liebe Oma ist mitten unter uns.

Wenn ich an diese Zeit zurückdenke in der ich 8  bis 9 Jahre alt war, hab ich das Empfinden als wäre ich damals erst voll erwacht. Vorher hab ich vieles sozusagen aus der Ferne betrachtet, jetzt erst nahm ich lebhaften Anteil an meiner Umgebung und sprang voller Lebensfreude im Garten herum, oder fuhr mit meinem roten Kinderrad , welches ich von meiner Schwester Ruth übernommen hatte den Weg am Dorfbach entlang über die Geleise den Bahndamm hinunter und am frischen Bächlein entlang zu unserem großen Garten am Eichelgartenweg.

In den Jahren 1930 bis 1937 war Onkel Wilhelm als Bauingenieur arbeitslos. Mehrere Jahre war er bei der Gemeindeverwaltung Münchsmünster im Büro beschäftigt. Seine Hauptarbeit aber war unser großer Garten. Dieser war auf einem etwa ein Tagwerk = 3334qm großem Acker angelegt worden. Er befand sich ungefähr 300 m südlich des Bahnhofs, wo nur das einzige Haus der Familie Felber in der Nähe stand. Onkel hatte etwa ein Drittel des Grundstücks eingezäunt, schätzungsweise waren es 35 mal 35 m =1225 qm groß.  Er hat einen Brunnen geschlagen und den Garten wunderschön angelegt. Vom Eingangstor im Norden führte der Hauptweg bis zum Blumenrondel in der Mitte des Gartens, um dieses lief der Weg ringsherum und von diesem zweigten wieder 4 Wege in alle Himmelsrichtungen ab. So war der Garten in 4 gleiche Teile geteilt. Wie eine Sonne mit 4 Strahlen nach Osten, Süden , Westen und Norden. Nach dem runden Blumenbeet ging der Hauptweg weiter bis zum Brunnen im Süden des Gartens. Viele Spalierbäume wurden zu beiden Seiten des Hauptweges gepflanzt. Am Zaun entlang standen ganze Reihen Johannisbeersträucher und Stachelbeerbüsche. Ein großes Spargelbeet legte Onkel an.

Der Boden war ja sehr sandig und darauf gedeiht Spargel besonders gut. Aus Erfurt ließ Oma vielerlei Gemüsesamen und Blumenzwiebel für Gladiolen und Dahlien schicken.

Gleich zu Beginn der Gartenanlage hatte Onkel ein Bienenhaus gebaut, zum Glück fanden wir bei so manchem Regenguss dort Schutz. In diesem Bienenhaus stand ein Tisch mit einer Bank, dort tranken wir manchmal Kaffee, es war immer schön warm darin und roch so gut nach Holz und Honig. Onkel hatte seine vielen Bienenkästen und Körbe schon von seiner Heimat mitgebracht, er war perfekt mit Honigschleuder und allem Zubehör ausgerüstet. Das Schleudern machte großen Spaß, und der Honig in den Waben schmeckte herrlich.

In der vierten und fünften Klasse unterrichtete uns der junge, Schwarzgelockte Herr Lehrer Böck, beide Klassen, Mädchen und Jungen zusammen in einem großen Schulzimmer. Der Herr Lehrer war ein strenger und ernster Mann, geduldig war er nicht. Oftmals erschreckte er uns mit seinen Temperamentsausbrüchen unter denen vor allem die Buben zu leiden hatten wenn sie " übergelegt " wurden und Hiebe auf den Hintern bekamen.

Manchmal war es auch schön in der Schule besonders im Winter, während wir Weihnachtslieder sangen sah man durch die hohen Fenster die dicken Schneeflocken langsam niedersinken.

Noch einmal sind wir innerhalb des Dorfes umgezogen, Oma war die Miete zu teuer geworden. Wir zogen in ein größeres Haus mit Scheune direkt an der  Hauptstraße neben der auch das muntere Bächlein, vom Wald kommend, floss. Wir wohnten nur 3 Minuten von meiner Freundin Anni entfernt, doch selbst diese kleine Entfernung bewirkte, dass wir uns nicht mehr so oft sahen.

Aber bei unserer Ersten heiligen Kommunion durfte ich Anni, Maria und andere Mitschülerinnen zum Kaffee mit Torte einladen. Die 1.Kommunion war für uns Kinder ein großes Fest, nicht nur weil wir schöne weiße Kleider. einen weißen Blütenkranz fürs Haar und eine golden verzierte Kerze bekamen, sondern weil Christus in unser Herz kommen sollte. Es wurde ein festlicher Tag, meine liebe Oma hat alles schön vorbereitet, feine Kuchen gebacken und den Tisch im Wohnzimmer festlich gedeckt. Meine Eltern, Ruth und Ingelein kamen mit dem Auto und gingen mit zur Kirche. Mami lobte mich nachher, da ich so schön die Stufen zum Altar hoch gegangen war.

Unser Religionslehrer, der gute Herr Pfarrer Hirl bereitete uns ein halbes Jahr lang auf die Kommunion vor und lernte uns geduldig das Beichten. Über Monate nahm er mit uns die 10 Gebote Gottes durch, als wir sie endlich auswendig konnten, beichteten wir zur Probe im Klassenzimmer. Der Herr Pfarrer saß eine Stufe höher am Katheder, wir knieten uns an seine Seite und hielten unser Religions-Buch neben dem Kopf zum Schutz des Mithörens und begannen: " Dies ist meine erste Beichte, in Demut und Reue bekenne ich meine Sünden". Nachdem wir alle Sünden aufgezählt hatten sagten wir, " Ich bereue alle meine Sünden und bitte um Buße und Nachlass.“  Nach dieser Hauptprobe durften wir in der Kirche richtig beichten. Jedes Mal hielten wir vorher die Gewissenserforschung.

1. Gebot Gebet, - ja da hatte ich oft gesündigt,         

    weil ich zu beten vergessen hatte.

2. Gebot heilige Namen, - nein geflucht hab ich

    nicht.

3. Gebot Sonn und Feiertage, - die Messe hatte     

    ich am Sonntag öfter versäumt.

4. Gebot Eltern und Vorgesetzte, - hier fühlte ich

    mich ohne Schuld, da ich folgsam  war und

    niemand etwas böses wünschte.

5. Gebot Töten und Quälen, - nein noch nie hatte

    ich ein Tier gequält.

6. Gebot Unkeuschheit.

    a. habe ich Unkeusches angeschaut? - Nein ich

    hatte noch keinen Buben nackt  gesehen.

 b. habe ich Unkeusches getan? - Was tut man da

     eigentlich, dachte ich mir.

7. Gebot Lügen und Stehlen, - na ja manchmal   

     hab ich Oma schon angeschwindelt mit den 5

     Pfennigen für Guttis.

8. Unmäßigkeit, - ja am Freitag hatte ich wieder

    Hartwurst gegessen.

Als ich dies unserem Herrn Pfarrer im Beichtstuhl gestand meinte er, " das brauchst Du mir nicht mehr beichten, Du bist dispensiert, weil Deine Oma evangelisch ist und bei denen ist es keine Sünde.

Um uns zum Guten hinzulenken erzählte unser Herr Pfarrer Sirl uns einmal aus seiner Kindheit - er sei auch nicht immer folgsam gewesen und habe an Ostern abends vor dem Einschlafen noch schnell ein kleines Zuckerei in den Mund genommen und siehe da, am nächsten Tag in der Früh war es innen in der Backe angewachsen. Zum Beweis stülpte er seine Unterlippe nach außen und wir sahen mit Staunen eine kleine Geschwulst an der Schleimhaut, grad so groß wie ein kleines Osterei . Er fühlte sich wohl damals schon krank, denn er sprach vom sterben.

Sein Wunsch sei es unmittelbar an der Kirchenmauer, genau dort wo innen der Beichtstuhl stand beerdigt zu werden, damit er immer all unsere Sünden mithören könne.

Der liebe Herr Pfarrer hat dann wirklich nicht mehr lange gelebt, etwa ein Jahr nach unserer Kommunion ist er im nahen Pförring im Krankenhaus gestorben.

Die ganze Gemeinde Münchsmünster holte ihn dort ab, wir waren eine große Trauergemeinde und sind zu Fuß die 5 km  gegangen. Betend gingen wir durch die Felder und Donauauen, über die hölzerne Donaubrücke die immer so knarrte und ächzte, dass mir Angst wurde, bis zum Krankenhaus und zurück. Betend haben wir unseren toten Herrn Pfarrer begleitet, wir Kommunionkinder in unseren weißen Kleidern.

Den Winter 1935 - 36  zeichnete Onkel den Plan für unser neues Haus, dabei durfte ich auch mitreden. Da mir seit dem Ausflug mit Oma nach Garmisch ein breit überstehendes Dach so gut gefiel zeichnete Onkel auch für unser Haus so ein überstehendes Dach.

Hauptlehrer Heigel, ein energischer Mann, war 1936 - 37 mein Lehrer in der 6. und 7. Klasse. Eine Besonderheit war die 8. Klasse, die aber nur aus zwei Schülern bestand. Damals kam meine große Schwester Ruth zu uns nach Münchsmünster in die neue 8. Klasse. Sie saß ganz hinten im Klassenzimmer und der Lehrer gab ihr besondere Aufgaben.

In der Rassenkunde wurden alle Geschwister verglichen wie ähnlich sie einander waren. Bei Ruth und mir meinte Lehrer Heigel:" der größte Unterschied besteht darin, dass die Kleine viel frecher ist."

Es dürfte im Herbst 1936 gewesen sein als Onkel Wilhelm die Baugrube für unser neues Haus, südlich des großen Gartens am Eichelgarten absteckte. Etwa 10 mal 12 m groß. Dann gingen Onkel, Oma und ich daran mit Schaufeln und Spaten die sandige Erde auszuheben.

Ich weiß noch als ich eines Mittags von der Schule in den Garten kam staunte ich, - da war plötzlich eine richtige tiefe Grube aus der nur Onkels Kopf schaute - . Jeden Tag wurde sie etwas größer mehrmals, am späten Nachmittag, kam meine große Schwester Irmgard mit dem Rad aus Pförring, wo sie im Bürgermeisteramt tätig war und half uns beim Ausheben, auch der Geselle meines Vaters half uns öfter beim Ausheben. Im Herbst war die große Baugrube ganz ausgehoben.

Onkel begann die Verschalung für den Keller zu bauen, wochenlang arbeitete er daran. Beim betonieren der Kellerwände halfen 3 Mauerer aus Pförring. Dann wurde die Kellerdecke verschalt, die Holzpfosten zum stützen der Decke standen ganz dicht nebeneinander, ich rieche noch den intensiven Geruch des frischen Betons. Im Frühjahr 1937 kamen die Mauerer aus Pförring wieder, Ziegelsteine wurden mit Lastautos angefahren. Auch meine Schulfreunde Max Schön. Sepp Scheuringer und Kistler Mugg halfen beim abladen. Einige Monate später war schon das Richtfest zu dem auch meine Eltern und Geschwister kamen.

Danach ging’s an den Innenausbau, Fensterstöcke und Türen fertigte Onkel in einer Schreinerei, in wochenlanger Arbeit, selbst an. Er machte alles auf den Millimeter genau und es passte perfekt. Meine Oma, damals bereits 62 Jahre alt stand oft um 5 Uhr auf und bestellte den Garten. Neben dem Haushalt half Oma beim Verlegen des Holzfußbodens und beim Streichen der Zimmerwände. Trotz aller Arbeit fand sie noch Zeit für eine kleine Erholungspause. Mit der Kaffeemühle im Arm sagte sie      „ jetzt mach ich uns einen guten Kaffee“.

Als wir schon eingezogen waren kamen alle guten Bekannten zur Besichtigung. Frau und Herr Metzner aus Forstpriel, Frau Knoll mit Töchtern und Frau Scheringer vom Gutshof, sie waren des Lobes voll, so ein großes, schönes Haus. Oma und Onkel waren zufrieden und stolz auf ihre Leistung, der verdiente Lohn für ihre unermüdliche Arbeit. Wie Goethe im Faust sagt.

 

" Dem Tüchtigen ist diese Welt nicht stumm.

Das Abgesteckte muss sogleich geraten.

Auf strenges Ordnen , raschen Fleiß

erfolgt der allerschönste Preis."

 

Meine Mutter überraschte mich im Frühjahr 1938 damit, dass ich für 3 Wochen in ein Jugendsportheim fahren durfte. Mehrere Mädchen aus Ernsgaden und Ingolstadt fuhren auch mit. Es ging mit dem Zug über München nach Greifenberg am Ammersee. Das war eine ganz neue Welt für mich! Der riesige See von Wellen bewegt und im Hintergrund das Gebirge. Dazu das neu erbaute prächtige Sportheim im oberbayrischen Stil mit großem Holzbalkon. Innen mit moderner Sporthalle, großen Schlafsälen, sonnigen Badezimmern und hellem Speisesaal ausgestattet. Wir machten in alle früh, auch bei Nebel Frühsport. Da ging es über Stock und Stein, durch Wald und Wiesen, bergauf und bergab.

Nach dem gemeinsamen duschen gab’s Frühstück mit Obstmüsli und anschließend wieder Sport. Beim Weitsprung schaffte ich 3,10 m, Weitwurf nur 20 m, Schnelllauf für 12-13 jährige nur 60 m weit da war ich sogar einmal die Beste  und schaffte die 60 m in 7,3 Sek.

Die 3 Wochen hatten wir auch viel Spaß mit Geräteturnen, Singen und Ausflügen in die nähere Umgebung.

Dann ging es wieder Richtung Heimat. Am Bahnhof Vohburg wurde ich schon abgeholt und blieb gleich bei meinen Eltern und Geschwistern in der Hartacker-Mühle.

Jetzt hatte ich meine liebe Oma so lange nicht gesehen,--doch bald schickte mich mein Vater nach Münchsmünster zum Förster. Ich fuhr mit dem Rad so schnell ich konnte zuerst zu meiner lieben Oma, aber sie war nicht zu Hause. Onkel sagte Oma ist im Wald, so lief ich zum nahen Eichelgarten und fand Oma bald. Sie saß an einen Baumstamm gelehnt im Moos. Glücklich umarmte ich sie und wischte ihre Tränen von der Backe, wir weinten beide vor Freude.

Nach der 8. Klasse in Ingolstadt besuchte ich 1940-1943  die Mittelschule  im Institut St. Anna in Riedenburg. Anschließend von 1943 bis 1944 war ich in Jena in der Lehranstalt für Med. tech. Assistentinnen.

Nach den ersten zwei Semestern, kurz nach der Prüfung als Röntgenassistentin mussten wir alle unsere Ausbildung abbrechen und zum totalen Kriegseinsatz.

Ich wurde im Städtischen Krankenhaus und Lazarett in Pfaffenhofen an der Ilm im Röntgen und Labor eingesetzt.

In den letzten Tagen vor Kriegsende wurde meine liebe Oma bei uns eingeliefert. Sie hatte arge Schmerzen, die ein eingeklemmter Narbenbruch verursachte.

Oma wurde gleich vom Chefarzt Dr. Tinnefeid untersucht und operiert. Ich beruhigte Oma so gut ich konnte und blieb an ihrer Seite.

Nach der komplizierten Operation brauchte Oma viel Ruhe. Meine älteste Schwester Irmgard war damals schon Stationsschwester im Lazarett und besorgte ein schönes Zimmer auf der Privatabteilung für Oma. Zwei Tage später ging es ihr schon besser, aber nun mussten alle Patienten in die Luftschutzkeller, da die Amerikaner mit Panzern einmarschierten und Pfaffenhofen besetzten und auch das Krankenhaus bewachten.

Zum Glück fand ich ein ruhiges Plätzchen im Keller und konnte eine gute Liege für Oma organisieren, Irmgard brachte weiche Matratzen worauf Oma gut lag und während der Nacht kümmerten wir uns abwechselnd um Getränke.

Als Oma wieder laufen konnte nahmen wir sie mit auf unser Zimmer zum Cafe mit Plätzchen und hatten uns viel zu erzählen. Oma`s große Sorge war ihr Bruder, der bei diesen Kriegswirren ganz allein im Haus war.

Nach 14 Tagen wollte Oma wieder nach Hause.

Einige Wochen später besuchte mich überraschend meine Schwester Ruth mit der kleinen, goldigen  Ulli, im Krankenhaus. Sie war auf der Durchfahrt von Hindelang im Allgäu nach Münchsmünster und wollte bei Oma wohnen. Darüber war ich sehr froh und erleichtert, so war meine liebe Oma und Onkel Wilhelm nicht mehr so allein.